Wie viele andere Varianten des Surfens musste auch das Stand Up Paddling (SUP) oder Stehpaddeln von Seiten eingefleischter Traditionalisten harsche Kritik einstecken. Es hat sich aber ziemlich gut aus der Affäre gezogen und kann heute auf eine grosse Fangemeinde zählen. Die neue Surftechnik wurde zunächst als Trainingsmethode an wellenlosen Tagen eingesetzt, aber wegen ihrer Vorzüge schon bald als eigenständige Disziplin anerkannt. Ihr Plus: Sie ist extrem facettenreich und vielfältig. Die aufrechte Haltung auf einer Welle flösst Vertrauen ein und auf einem See oder einem Fluss eröffnet sie bislang ungeahnte Perspektiven. SUP kann vielerorts ausgeübt werden und ist somit einem breiten Publikum zugänglich. Einfach draufstellen und lospaddeln! Den beim Surfen so kniffligen Moment, in dem man sich aufrichten muss, gibt es hier nicht. Ausserdem hilft die Grösse des Bretts die Wellen zu nehmen und das Gleichgewicht zu halten. Und da SUP auch auf ruhigen Gewässern praktiziert wird, braucht man kein Meer vor der Haustür und hat trotzdem Spass.
Das Stehpaddeln entwickelt sich fortlaufend weiter und wird als Freizeitvergnügen oder Sport immer beliebter. Wer es erst einmal ausprobiert hat, kommt so schnell nicht mehr davon los. Bis man die nötige Technik entwickelt hat und nicht nur schwitzt, sondern auch Spass hat, kann es allerdings etwas dauern. Aber schliesslich ist aller Anfang schwer! Dafür lernen Stand Up Paddler das Surfen leichter und können dort die Früchte der mit dem Paddel erlittenen Strapazen ernten.
INTERVIEW
Wir haben uns mit Carine Camboulives, die auf Maui (Hawaii) lebt und neben Windsurfen, Kitesurfen und Longboarden auch Stand Up Paddling betreibt, über die neue Trendsportart unterhalten.
Carine Camboulives, wie sind Sie zum Stand Up Paddling gekommen?
Das war 2004 in Hawaii. Einige Rider wie Laird Hamilton und Sean Ordonez befanden sich gerade mitten in der Entwicklung dieses Sports. Ich habe mir von ihnen ein Brett ausgeliehen und war sofort süchtig. Es war genial, das Entstehen und den Aufbau einer neuen Sportart mitzuerleben. Ich hatte das Gleiche Ende der 90er-Jahre bereits mit dem Kitesurfen erlebt. Es entstehen unglaubliche Synergien und die Aufregung ist riesig. Alle probieren herum und versuchen unzählige verschiedene Modelle und Neuerungen, ohne zu wissen, wohin das Ganze führt.
Ist SUP für Sie ein Freizeitvergnügen oder ein Sport?
SUP ist eine eigenständige Disziplin – eine mehr –, gleichzeitig aber auch ein Freizeitspass. Es hat mein Verhältnis zu den Wellen völlig verändert. Ich hatte das reine Surfen nach schlechten Erfahrungen in Hawaii vor einigen Jahren aufgegeben. Da man aber wie beim Windsurfen oder Kitesurfen aufrecht auf dem Brett steht, fühle ich mich auf den Wellen wohler als beim Surfen. Ich kann viel höhere Wellen nehmen und meine Angst vor dem „Take off“ ist verschwunden. Dank SUP habe ich wieder mit dem Longboarden angefangen, das ich jetzt so oft wie möglich praktiziere.
Wo üben Sie SUP aus und welches ist Ihr Lieblingsspot?
Wenn es am North Shore von Maui windstill ist, nehme ich mein SUP überall hin mit, in die Karibik genauso wie nach Mikronesien und Indonesien. Aber eigentlich muss man gar nicht so weit gehen. Jeden Herbst habe ich fantastische Sessions in der südlichen Bretagne und auf der Ile de Ré.
Und welche Session würden Sie als Ihre beste bezeichnen?
In Mexiko auf einer Weltklassewelle, die von den Mexikanern geheim gehalten wird. Aber auch auf Maui.
Welches Feeling haben Sie bei den Sessions?
Ein Gefühl der Erfülltheit und der Freiheit. Stand Up Paddling eignet sich wunderbar für Spaziergänge und Entdeckungen. Perfekt, um zu Buchten zu gelangen, die zu Fuss unerreichbar sind oder Korallenriffe aufzusuchen, die für Boote in allzu seichtem Wasser liegen. Mein Board war mir schon mehr als einmal eine grosse Hilfe!
Seit einigen Jahren üben immer mehr Frauen Surfsportarten aus. Was kann ihnen SUP bringen?
SUP kann man auf Wellen genauso gut ausüben wie auf ruhigen Gewässern, also auf Seen oder Flüssen. Es ist eine Art „Meeresjogging“. Mit warmer Kleidung kann man das ganze Jahr hindurch paddeln. Für Frauen ist es ein extrem kompletter Sport, der hilft fit zu bleiben und die Bauchund Rückenmuskulatur zu stärken. Im Gegensatz zu anderen Sportarten, bei denen nur der obere oder untere Teil des Körpers beansprucht wird, arbeiten beim SUP alle Muskeln harmonisch zusammen. Das Halten des Gleichgewichts verlangt anfangs viel Konzentration und ist eine echte Körpertherapie. Das neuromuskuläre Gleichgewicht wird etwa so trainiert wie bei Reha-Massnahmen oder beim Training auf Reifen oder Bällen.
Welche Tipps würden Sie Anfängern geben?
Ein Brett und ein Paddel zu wählen, das zu ihrer Grösse und ihrem Gewicht passt. Ein leichtes Paddel ist besser, weil damit die Schultern nicht so stark beansprucht werden. Am besten schliesst man sich zu Gruppen zusammen, das macht mehr Spass und wirkt motivierend. Um sich auszuruhen und den Rücken zu schonen, kann man sich ruhig auch ab und zu hinsetzen oder rudern, um danach mit neuer Kraft weiterzupaddeln. Nicht vergessen darf man, dass Paddler gegenüber Surfern keinen Vortritt haben, denn sie sind mobiler und können sich einfacher auf den Wellen positionieren und loslegen. Da die Bretter schwer sind, muss man beim Wellenreiten auch auf die Surfer dahinter achtgeben.
Wie sehen Sie die Zukunft des SUP?
Die Disziplin wird explodieren. Man kann sie überall, in jedem Alter und mit der Familie ausüben, sie ist deshalb ideal als Freizeitbeschäftigung, für Fitness, reines Surfen und für Spazierfahrten. Die Möglichkeiten sind vielfältig!
















